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Kieler Erfolgsgeschichte in Krisenzeiten

Fredo Wulf und Kay Ilfrich stellten ihren Dokumentarfilm „Eisen bewegen –

Lokomotiven aus Kiel“ vor.

„Das ist noch handfeste Arbeit, keine Finanzwirtschaft mit virtuellen Luftbuchungen, das fanden wir klasse“, sagt Kay Ilfrich, und Fredo Wulf ergänzt: „Wir wollten in diesen Krisenzeiten von Heuschrecken und geplatzten Blasen eine Kieler Erfolgsgeschichte erzählen, die direkt messbar Arbeitsplätze und Wohlstand in der Region schafft und hält.“ „Eisen bewegen – Lokomotiven aus Kiel“ heißt der Film der beiden Dokumentarfilmer und Regionalhistoriker im Verein „Zeitzeichen“, der im Mai im Koki seine Vorpremiere feierte.

 

Zu der erschien auch sein Protagonist: Hinrich Krey, ehemals Arbeiter bei der MaK, Ende der 80er Jahre ein Vorreiter der Rüstungskonversion und alternativer Produktion und dann als Geschäftsführer gleich zweier Kieler Unternehmen tätig, die in Kiel Lokomotiven produzieren, Vossloh und Voith. Doch diese Erfolgsgeschichte eines Industriestandorts in Krisenzeiten und eines ideenreichen Arbeitnehmers, der „die Seiten wechselte und sich dabei doch immer treu blieb“ (Ilfrich über Krey), schlug manchen Haken, den Wulf und Ilfrich in ihrem gemeinsam mit dem NDR produzierten (Redaktion: Bernd Michael Fincke, Produktionsleitung: Daniel Buresch) und von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein geförderten Film nacherzählen:

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Lieber im Blaumann statt im Nadelstreif: Hinrich Krey packt beim Lokbau selber mit an. Fotos: Filmstill

Ende der 80er Jahre lag die Stahlindustrie nicht nur in Kiel am Boden. Die Arbeitsplätze bei HDW und der MaK blieben allein durch Rüstungsaufträge (U-Boote für Chile und Panzer) erhalten, wogegen es seitens der Friedensbewegung und durch das Ende des Kalten Krieges zunehmenden Widerstand gab. Hinrich Krey und der gewerkschaftliche Arbeitskreis „Alternative Produktion“ überlegten, wie man den Standort „menschen- und umweltverträglicher und vor allem nachhaltig“ sichern könnte – mit Lokomotivbau. Da aber die Unternehmensvorstände wenig empfänglich für solche Vorschläge waren, ergriff Krey selbst die Initiative und gewann die Vossloh AG für diese „Nischenproduktion“, die er als Geschäftsführer und Entwickler neuer Antriebstechnik zu einem Erfolgsmodell machte. Doch wo Erfolg ist, kommen bald die Heuschrecken. Krey wurde entlassen, Teile der Produktion in Billiglohnländer verlegt. Doch Krey ließ nicht locker und überzeugte den Maschinenbaukonzern Voith, in Kiel eine Lokbausparte zu eröffnen, deren Geschäftsführer er bis heute ist.

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Krey im Fahrstand der "Maxima", der eigens von Voith entwickelten Großlokomotive

„Eigentlich wollten wir mit dem Film mehr in die Produktion hereinschauen“, erzählen die Filmemacher, die sich der Tradition des „Direct Cinema“ verpflichtet fühlen. Doch aus Kostengründen verbot sich die geplante Langzeitbeobachtung. Auch, so Wulf, „weil Industrieunternehmen selten eine unabhängige demokratische Berichterstattung zulassen“. Krey freilich gewährte tiefe Einblicke in das „Turnschuhunternehmen“, das Voith Lokomotivbau anfangs war. Die Kamera zeigt ihn nur selten im Nadelstreif, Krey erzählt in Pullover und Jeans von einer neuen Unternehmenskultur, die hierarchische Schranken auflöst und auch den kleinen Monteur an der Entwicklung des Unternehmens wie des Produkts teilhaben lässt. „Auch das wollten wir zeigen“, sagt Ilfrich, „wie Arbeitnehmer imgrunde die Machtfrage stellen und die Produktion buchstäblich selbst in die Hand nehmen.“

Für den Film ist das ein Glücksfall. Ohne die „charismatische Lichtgestalt“, so der Kieler IG Metall-Sekretär Wolgang Mädel über Krey, als Hauptfigur wäre es womöglich ein eher trockener Industriefilm geworden. So aber ist wirklich „Eisen in Bewegung“ und ein bewegendes Porträt eines Umbruchs entstanden, der auch Musterfunktion haben könnte – gerade in Zeiten von Globalisierung, Finanzkrise und anstehender Energiewende.

jm