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Was in Deutschland geschehen müsste

01.12.2015 Klar ist: Was immer in Paris beschlossen wird, der Klimaschutz muss auf der nationalen Ebene um- und hierzulande vor allem durchgesetzt werden. Der Verweis auf andere wie China oder die USA, die mehr emittieren, ist müßig und demagogisch. Jedes Land muss entsprechend seiner Verantwortung sich beteiligen und die deutsche ist deutlich überproportional. Die hiesigen Pro-Kopf-Emissionen sind noch immer mehr als doppelt so hoch wie der globale Durchschnitt. Außerdem hat Deutschland auch überproportional zu den bereits in der Atmosphäre angesammelten Treibhausgasen beigetragen, die in den nächsten Jahrtausenden dort ihre Wirkung entfalten werden.

2009 hatte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen mit einem Budgetansatz vorgerechnet, wie man die Verantwortung der einzelnen Staaten gerecht, das heißt, nach dem Prinzip der gleichen Rechte für alle Erdbewohner, betrachten könnte. Zunächst schaut man sich an, was noch geht. Die Klimawissenschaftler sagen, dass noch 750 Tonnen CO2 emittiert werden dürfen, wenn wir eine Zwei-Drittel-Chance haben wollen die globale Erwärmung auf zwei Grad zu beschränken. (Das könnte schon zu viel sein, wie im nebenstehenden Text dargestellt, aber darum soll es hier nicht gehen.) Die Zahl bezog sich allerdings auf das Jahr 2010. Zwischenzeitlich ist bereits jede Menge weiter emittiert worden, sodass heute noch etwa real 560 Milliarden Tonnen zur Verfügung stehen.

Teilt man dieses Budget nun, durch die Zahl der Erdbewohner und multipliziert man es dann mit der Bevölkerung eines Landes, so ergibt sich der Anteil an Emissionen, der dem entsprechenden Land zusteht. (Dabei wurde allerdings die historische Verantwortung für die bereits in der Atmosphäre angereicherten Gase außer acht gelassen.)

Für Deutschland ergibt sich auf diese Art und Weise ein Anteil von neun Milliarden Tonnen. Dazu muss man wissen, dass hierzulande noch immer etwas über 900 Millionen Tonnen CO2 und andere Treibhausgase jährlich ausgestoßen werden. Von 2010 an gerechnet ist unser gerechter Anteil also schon 2020 aufgebraucht. Das Berühmte 40-Prozent-Ziel der Bundesregierung läuft hingegen darauf hinaus, dass 2020 noch immer 750 Millionen Tonnen CO2 jährlich in die Atmosphäre abgelassen werden. Mit anderen Worten: Wenn Deutschland seiner Veranwtortung auch nur halbwegs gerecht werden will, dann müssen die Emissionen wesentlich schneller als bisher geplant reduziert werden.

Was wäre dafür nötig? 1. Ein Kohleausstiegsprogramm. Bis 2030 könnte das letzte Kohlekraftwerk dicht gemacht werden. Das wäre ehrgeizig aber machbar ohne dass deswegen die Lichter ausgehen müssten, wie Wissenschaftler bereits vorgerechnet haben. Neben dem schnelleren Ausbau der Erneuerbaren wären dafür auch mehr Speicher notwendig. Unter anderem kann Methan mit überschüssigem Strom synthetisiert und im Gasnetz abgespeichert werden. 2. Der Verkehrssektor muss massiv auf öffentlichen Verkehr und dieser wie die verbleibenden PKW auf elektrische Antriebe umgestellt werden. 3. Die Wärmeversorgung muss wo möglich auf kleine Blockheizkraftwerke umgestellt werden, die idealer Weise mit Biogas und synthetisiertem „Windgas“ (siehe 1.) betrieben werden. 4. Es müsste massiv in die Wärmesanierung investiert werden, um den Wärmebedarf drastisch zu senken. Das alles würde übrigens nebenbei noch für viele Jahre etliche Hunderttausend wenn nicht gar über eine Million neue Arbeitsplätze schaffen, das heißt, es gäbe einen erheblichen zusätzlichen gesellschaftlichen Nutzen.

Selbst wenn dieses Programm durchgesetzt werden könnte, würde Deutschland in den nächsten Jahrzehnten immer noch mehr emittieren, als ihm zusteht. Deshalb und wegen seiner historischen Emissionen hat es eine erhebliche moralische Verpflichtung, anderen beizustehen, zum Beispiel mit Technologietransfer, Ausgleich für die Schäden, die der Klimawandel anrichtet und Hilfe bei der Anpassung wie dem Küstenschutz und ähnlichem. Das sollte es im übrigen auch aus wohlverstandenem Eigeninteresse tun, denn schließlich sollten wir alle, wenn wir nicht gerade Aktionäre von Waffenhändlern sind, ein Interesse an mehr Frieden und Sicherheit in der Welt haben.

Die Bundesregierung scheint das jedoch anders zu sehen. In Kopenhagen war verabredet worden, dass ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar für Anpassung an den unvermeidlichen Teil des Klimawandels und für die klimafreundliche Entwicklung der ärmeren Länder in den Industriestaaten mobilisiert werden sollen. Inzwischen wird diese Summe im Süden eher für zu niedrig gehalten. Die Bundesregierung sperrt sich aber ziemlich hartnäckig dagegen, dass überhaupt eine feste Summe im neuen Vertrag genannt wird, wohl wissend, dass sie damit den Verhandlungen einen nicht kleinen Stolperstein in den Weg legt. (wop)

Deutsche CO2-Emissionen

 Deutsche CO2-Emissionen

 

Jährliche Deutsche CO2-Emissionen in Millionen Tonnen.

Von unten nach oben: Energiewirtschaft (Kraftwerke), Verarbeitendes Gewerbe, Verkehr, Haushalte und Kleinverbraucher, Industrieprozesse (Zementproduktion u.Ä.) Hinzu kommen noch andere Treibhausgase wie Methan und Lachgas, die derzeit jährlich etwa 100 Millionen Tonnen CO2 entsprechen. Quelle: UBA

Globale CO2-Emissionen Globale CO2-Emissionen

 

Globale CO2-Emissionen

Globale CO2-Emissionen in Milliarden Tonnen CO2. Eventuell kommt in diesem Jahr erstmalig das Wachstum in einem nicht Krisenjahr zum Halten, da in China der Kohleverbrauch erstmalig seit sehr langem leicht rückläufig ist. Rund die Hälfte der Emissionen wird von Ozeanen und Biosphäre aufgenommen, der Rest wird für mehrere Jahrtausende in der Atmosphäre verbleiben, wenn er dieser nicht durch künstliche Prozesse entzogen wird. Quelle: Global Carbon Project

CO2-Konzentration in der Atmosphaere

CO2-Konzentration in der Atmosphaere

 

CO2-Konzentration in der Atmosphäre auf Hawaii im Millionstel Volumenanteilen.

Die oszillierende Linie beschreibt die Monatsmittelwerte, die glattere Linie die Jahresmittelwerte. Die Messungen auf Hawaii sind wegen ihrer Ferne zu Industriezentren und weil die Station auf einem hohen Berg gelegen ist representativ für die ganze Atmosphäre. Abweichungen zum globalen Mittelwert sind gering. Bei 450 ppm muss mit einer Erwärmung von etwa zwei Grad Celsius im globalen Mittelwert gerechnet werden. Die Unsicherheit dieser Aussage liegt bei einigen Zehntelgrad nach oben und nach unten.

Ganzes Jahr 15-48-49

Ganzes Jahr 15-48-49

Globale Mitteltemperatur relativ zum Mittelwert der Jahre 1900 bis 2000.

Der letzte Rekord wurde erst 2014 aufgestellt und wird in diesem Jahr aller Voraussicht nach deutlich überboten werden. Quelle NOAA.

(wop)