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Der Mensch als Störfaktor in einer Cyberwelt

Anmerkungen zur Ideologie der Zeitgeistbewegung


01.02.2012  Die Zeitgeistbewegung sorgte im Zusammenhang mit der Occupybewegung innerhalb der Linken für eine gewisse Aufregung. Es wurde befürchtet, dass diese skurrile Bewegung Occupy unterwandern könnte. In Kiel bestand diese Gefahr nie, obwohl einige „Zeitgeister“ vorübergehend im Camp lebten. Was ist an dem Kern der Ideologie dieser Bewegung eigentlich so kritisch?
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Nach der Philosophie der Zeitgeistbewegung sind in ihrer Idealwelt Geld und Eigentumstitel abgeschafft. Die nachhaltige und ressourcenbasierte Produktion und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums erfolgt durch automatisierte kybernetische Systeme. Das führt nach Zeitgeist im Zusammenhang mit einer Ressourcen schonenden Kreislaufwirtschaft zur Beseitigung von Mangel.
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Wachstum zur Profitsicherung ist in diesem System nicht mehr nötig. Da für alle genug da ist, entfallen Verteilungskonflikte. In dieser Welt werden nur noch wenige hoch qualifizierte Experten gebraucht, die die Entscheidungs- Produktions- und Steuerungssysteme füttern und kontrollieren. Der Rest der Menschheit kann in diesem Schlaraffenland seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten nachgehen. Dabei bleibt völlig offen, wie die Menschheit aus einem auch von Zeitgeist kritisierten kapitalistischen Herrschafts- und Wirtschaftssystem, das verschleiernd als monetäres System beschrieben wird, in das kybernetische Paradies gelangen kann.  Die Zeitgeister scheinen von einem universellen humanen Gemeinschaftsinteresse auszugehen. Vor dem Hintergrund, dass alle gemeinsame Grundbedürfnisse haben, ist es dann nur noch eine Frage der rationalen Aufklärung, um zu einer „vernünftigen“ Welt zu gelangen – wer immer die definiert. Machtfragen stellen sich dabei nicht. Die Privilegierten können vermutlich nach Zeitgeistvorstellungen durch rationale Überzeugungsarbeit dazu bewegt werden, ihre Privilegien aufzugeben und sich auf ihre „Grundbedürfnisse“ zu besinnen.

Eine solche Annahme ist ein naives Verständnis von einer pluralen Welt mit unterschiedlichen Macht- und Eigentumsverhältnissen, mit Interessengegensätzen und mit einer Vielzahl von kulturellen, sozialen und religiösen Unterschieden und Bedürfnissen. In der von Zeitgeist angestrebten geldfreien und ressourcenbasierten Wirtschaft, die von kybernetischen Steuerungssystemen gelenkt wird, werden die Gefahren von Machtmissbrauch und Manipulation im Gewand von „Wissenschaftlichkeit“ und „objektiven, selbstlosen Experten“, die die Apparate füttern und kontrollieren, völlig ausgeblendet.

Menschen werden in diesem System mit ihren subjektiven Meinungen entmündigt, indem sie bei wichtigen gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen als Störfaktoren betrachtet werden. Denn Menschen haben aus dieser Sicht gegenüber intelligenten Rechnern nicht nur „hirntechnisch“ begrenzte Wahrnehmungs- und Verarbeitungskapazitäten, sondern zu allem Überfluss auch noch Gefühle. All das behindert nach dieser Weltanschauung komplexe und rationale Entscheidungsprozesse. Die sollte man daher lieber intelligenten Maschinen überlassen. So ist dann auch nach Zeitgeist das herkömmliche Verständnis von Demokratie eine Illusion. Nicht nur weil das bestehende Parteien- und Herrschaftssystem mit seinen medialen Einflussmöglichkeiten Menschen verblendet oder auch den Mehrheitswillen im Bedarfsfall ignoriert (dem könnte man ja noch zustimmen), sondern weil mensch gar nicht in der Lage ist, seine „objektiven“ individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnisse aufgrund seiner subjektiven Begrenztheit zu erkennen.

Im Zeitgeistsystem kann der Einzelne zwar seine Wünsche und Bedürfnisse in Zentraldateien eingeben. Was daraus wird, entscheidet allein die Logik des kybernetischen Steuerungssystems. Sind die Wünsche oder Bedürfnisse damit kompatibel, werden sie aufgenommen, sind sie inkompatibel, werden sie verworfen.  Für den einzelnen Menschen wäre das eine existenzielle Abhängigkeit von einem für ihn völlig undurchschaubaren komplexen Entscheidungssystem, das für sich in Anspruch nimmt, nach objektiven Kriterien das Algemeinwohl optimal zu managen. Naturwissenschaft und Technologiegläubigkeit werden hier zur Ersatzreligionen.

So ist die Utopie der Zeitgeist-Bewegung trotz einiger fortschrittlicher Elemente (z. B. gesellschaftliches Eigentum, gerechte Verteilung, Ressourcenorientierung, Kreislaufwirtschaft) mit einem absoluten Objektivitäts- und Rationalitätsanspruch, der sich auf kybernetische Steuerungssysteme stützt, und mit der allumfassenden Entscheidungskompetenz von vermeintlich gutwilligen und nicht demokratisch gewählten Technokraten, die faktisch Regierungsmacht haben, strukturell ein totalitärer Gesellschaftsentwurf! 
 
(Andreas Meyer)
 
 
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Zitate von der website: Zeitgeistmovement-Deutschland
www.zeitgeistmovement.de/wissen/ressourcenbasierte-wirtschaft
 
„Wenn wir über Probleme dieses Planeten nachdenken, erkennen wir, dass jedes Problem im Leben eigentlich ein technisches ist“
 
 
„Wenn wir erkennen, dass die Gesellschaft eine technologische Erfindung mit variablen Komponenten ist, wie es auch im Flugzeugbau variable Komponenten gibt, dann sollte unsere Orientierung rein wissenschaftlich sein. „Politik“ ist überholt, denn ihre Prozesse sind zum größten Teil subjektiv und lassen sich wissenschaftlich nicht belegen.“
 
 
„Die Übertragung der Entscheidungsfindung an eine maschinelle Intelligenz ist der nächste Schritt der gesellschaftlichen Evolution. Dieser Vorgang reduziert menschliche Fehler in hohem Maße und beseitigt gefährliche Verzerrungen und Subjektivität der Befunde“
 
„Regierungen und Staaten werden ersetzt durch ein objektives System der globalen Ressourcenverwaltung und technologischen Organisationen“
 
„Interdisziplinäre Technikerteams beaufsichtigen das System und richten Forschungsprojekte so aus, dass sie zu Wachstum, Leistungsfähigkeit und sozialer Entwicklung führen. In einer optimierten Version dieses Systems würden wahrscheinlich nicht mehr als 5% der Bevölkerung erforderlich sein, um das Ganze am Laufen zu halten.“
 
„Interdisziplinäre Teams (Regierungsersatz -Autor-) würden durch das zentrale Datenbank-Programm gewählt. Die interdisziplinären Teams erhalten keine Bezahlung in irgendeiner Form, denn ihre erweiterte Weltanschauung hat ihnen bewusst gemacht, dass ihre Belohnung die Früchte der Gesellschaft als Ganzes sind und tragen dazu bei, weil sie es wollen“
„Der Grad, in dem eine Person zur Gesellschaft beiträgt, hängt lediglich von der Ausbildung dieser Person ab und deren Fähigkeit, Probleme zu lösen“