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Auf dem Weg zur Revolution II

Die Januarstreiks 1918

Das in der offiziellen Arbeiterbewegung von den Instanzen verpönte und gehasste Prinzip der selbständigen Massenaktion ist auf der ganzen Linie zum Durchbruch gekommen und hat gesiegt; neue gewaltige Ausblicke eröffnen sich für die Arbeiterbewegung in Deutschland“, so hatte der Spartakusbund die Arbeiterkämpfe im Frühjahr des Jahres 1917 bilanziert. (Vgl. „Das Jahr 1917“ in der LinX vom 22.12.07)

Diese Einschätzung bestätigte sich bereits zu Beginn des Jahres 1918 in den Januarstreiks der Rüstungsarbeiter, die hauptsächlich politisch motiviert waren und zu denen die russische Oktoberrevolution sowie die anschließenden Friedensverhandlungen von  Brest- Litowsk einen Anstoß gegeben hatten. In der 1929 im Internationalen Arbeiterverlag Berlin erschienenen „Illustrierten Geschichte der deutschen Revolution“ heißt es dazu:

„Die russische Delegation unter Trotzkis Führung benutzte die Brester Verhandlungen, um zum Fenster hinaus zu reden, d. h. um von dieser Tribüne aus den Völkern Europas die Grundsätze der proletarischen Revolution zu erklären. Diese Propaganda hatte starken Erfolg. In Österreich und in Deutschland kam es zu gewaltigen Streikbewegungen. An diesem Januarstreik beteiligten sich in Berlin etwa 500.000, im ganzen Reich ungefähr eine Million Arbeiter. Der Streik begann in Berlin am 28. Januar. Es wurde ein Arbeiterrat gewählt. Aus dessen Mitte wurde ein Ausschuss gebildet, zu dem drei Vertreter der USP und auch, trotz des schärfsten Widerstandes aller revolutionären Elemente, drei Vertreter der SPD hinzugezogen wurden. Am 29. Januar wurden alle Versammlungen verboten, am 30. wurde das Gewerkschaftshaus besetzt. In Berlin fanden große Demonstrationen statt, es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei. Der Streik dehnte sich auf Kiel, Hamburg, Danzig, Magdeburg, Nürnberg, München, Rheinland-Westfalen, Köln, Mannheim, Kassel aus. Am 1. Februar wurde die Militarisierung einer Reihe von Berliner Großbetrieben erklärt. Außerordentliche Kriegsgerichte traten in Tätigkeit. Der USP-Abgeordnete Dittmann, der im Treptower Park verhaftet worden war, wurde zu fünf Jahren Festung verurteilt. Bis zum 2. Februar waren 84 Personen verhaftet, unter ihnen der Führer der Spartakus-Gruppe, Leo Jogiches.

Den Sozialdemokraten war es gelungen, den Streik abzuwürgen. Sie waren, wie sie später zynisch erklärten, von vornherein nur zu dem Zweck in die Streikleitung eingetreten, um die Bewegung zu erdolchen. (…) Zehntausende Arbeiter wurden nach diesem Streik eingezogen und als politisch Verdächtige besonders gekennzeichnet an die Front geschickt.“

Wenn in diesem Text des KPD-Verlages davon die Rede ist, der Streik habe sich auf Kiel „ausgedehnt“, ist das nicht ganz richtig. Die Streikbewegung hatte sogar in Kiel begonnen, als am 25. Januar etwa drei Viertel der Belegschaft der Friedrichsorter Torpedowerke die Arbeit niederlegten. Nachdem ihr Protest gegen die Einberufung mehrerer Vertrauensleute zum Heer Erfolg hatte, nahmen sie die Arbeit nicht wieder auf, sondern erklärten gegenüber der Direktion, sich nun „dem allgemeinen politischen Massenstreik“ anzuschließen. Denn inzwischen waren die Arbeiter der Germaniawerft und die weiterer Kieler Rüstungsbetriebe in den Ausstand getreten. Auf einer  Kund- gebung auf dem Wilhelmplatz verabschiedeten etwa 30.000 Arbeiter eine Resolution an den Reichskanzler: „Die Versammelten fordern:

a) eine unzweideutige Erklärung der Reichsregierung, daß ein Friedensschluß nicht von der Zueignung fremder Gebiete oder einer Kriegsentschädigung abhängig gemacht wird;

b) die sofortige Einberufung des Reichstags und der Sicherung seiner Mitwirkung bei den Friedensverhandlungen;

c) sofortige durchgreifende Reform der Volksernährung insbesondere durch Erfassung der Nahrungsmittel bei den Produzenten und gerechte Verteilung zu erschwinglichen Preisen;

d) die Auflösung des preußischen Abgeordnetenhauses und die Anordnung sofortiger Neuwahlen (…)“

Danach geschah allerdings nichts mehr zur Durchsetzung dieser Forderungen; am 1. Februar wurde die Arbeit wieder aufgenommen, so dass es ein reiner Demonstrationsstreik blieb. SPD und Gewerkschaften hatten dem Streik jede Unterstützung verweigert, wenn sie auch nicht gerade über die Streikenden herfielen. Die Militärführung setzte aus taktischen Überlegungen heraus nicht alle zur Verfügung stehenden Mittel gegen die Arbeiter ein (und verhielt sich damit genau so, wie sie SPD das an verschiedenen Orten aus Angst vor einer Radikalisierung der Streikenden gefordert – nein, richtiger: erbeten hatte). Dennoch wurden 17 Kollegen vor ein außerordentliches Kriegsgericht gestellt. Das Fehlen einer zielklaren organisierten Führung wurde in Kiel wie andernorts offensichtlich. Dirk Dähnhard bilanziert in seinem Buch „Revolution in Kiel“: „Andere Organisationen waren offensichtlich damals noch nicht in der Lage, in den von Gewerkschaften und MSPD freigemachten Raum hineinzustoßen“, nicht die Obleute der Torpedowerkstätten noch die USPD.

Zum Ausgang der Januarstreiks schreibt der Arbeitsrechtler und langjährige Justitiar der IG Metall, Michael Kittner, in seinem Werk „Arbeitskampf. Geschichte – Recht – Gegenwart“: „Der Streik selbst brach am 4. Februar zusammen, ohne daß den Streikenden irgendwelche Zugeständnisse gemacht worden wären (…). Für das Scheitern des Streiks war einerseits die feste Haltung von Regierung und Militär verantwortlich, andererseits war die Zeit noch nicht reif für eine solche Aktion ohne Unterstützung durch Gewerkschaften und gegen die Mehrheits-SPD. (…) In der aktuellen Situation des Jahres 1918 hatte der Berliner Munitionsarbeiterstreik erneut und zugespitzt die Uneinigkeit der Linken, den Zerfall geordneter Strukturen bei den Gewerkschaften und deren wachsende Distanz zur mehr und mehr revolutionär gestimmten Arbeiterschaft offenbart. Im Rückblick erwies er sich als Vorstufe für die Novemberrevolution.“ 
Mit der Position der SPD (Ebert, Scheidemann …) und vor allem der Gewerkschaftsführung werden wir uns in der nächsten LinX noch ausführlicher befassen. Hier nur ein Abschnitt aus dem Correspondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands vom 2. Februar 1918:

„Die Gewerkschaften müssen die Verantwortung für den Ausbruch des Streiks wie für seine weiter Ausbreitung ablehnen, so sehr auch gewisse Kreise beflissen sind, ihnen eine solche Verantwortung zuzuschieben. Daß die Gewerkschaften die Landesverteidigung nicht gefährden wollen, verbürgt ihr ganzes Verhalten seit Beginn des Krieges. Mögen jetzt diejenigen Kreise, die in Wirklichkeit die  Verant- wortung für die Zerstörung des inneren Friedens tragen, angesichts der Früchte ihres Tuns einlenken und das   Gemeinschafts- interesse des deutschen Volkes über ihre ehrgeizigen und Herrschsüchtigen Bestrebungen stellen, und möge eine einsichtsvolle Reichsregierung dafür sorgen, dass dieses Gemeinschaftsinteresse des deutschen Volkes ausschließlich zur Geltung gelangt. Dann wird dieser erste deutsche Massenstreik in Deutschland auch der letzte bleiben. Wenn es anders kommen sollte, dann sehen wir trübe in die Zukunft!“ 

 D.L.