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Auf dem Weg zur Revolution III

„Wir stehen der Bewegung fern“

Dann sehen wir trübe in die Zukunft!“ -  Mit diesen Worten hatten die Vaterlandsverteidiger in der Generalkommission der deutschen Gewerkschaften ihrer Befürchtung Ausdruck gegeben, der Massenstreik vom Januar 1918, der hauptsächlich von Rüstungsarbeitern durchgeführt worden war, könnte womöglich nicht die letzte Aktion dieser Art gewesen sein. (Siehe LinX vom 2.2.08.)

 

Die  Generalkommission hatte selbst unter dem Ausstand zu leiden; am 2. Februar musste sie mitteilen, dass auch „die Vorwärts-Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer u. Co. … von der völligen Stillegung betroffen worden“ und damit „das regelmäßige Erscheinen unseres Blattes in Frage gestellt“ sei. So erschien denn das „Correspondenzblatt“ an diesem Tage tatsächlich nur als Blatt, als zweiseitige   Aus- gabe mit einem einzigen Artikel: „Eine politische Streikbewegung“. Es lohnt sich, etwas ausführlicher daraus zu zitieren.

„Am 28. Januar ist in einer Reihe deutscher Städte und Industriebezirke eine Streikbewegung ausgebrochen, deren Ursprung lediglich auf politische Ursachen zurückzuführen ist. Die Massenstreiks in Österreich und Ungarn haben zweifellos dabei mitgewirkt, auch einen Teil der deutschen Arbeiterschaft auf den gleichen Weg zu drängen, aber aus rein suggestiven Wirkungen läßt sich dieses Überspringen der Bewegung auf Deutschland nicht erklären. Denn die deutsche Arbeiterbevölkerung ist von Natur aus kühler und erwägender und würde sich nicht ohne tiefere Beweggründe in demonstrative Streiks stürzen, noch dazu unter dem Kriegszustand. (…) Auch ist eher mit einer weiteren Ausbreitung der Bewegung zu rechnen. (…)

Die Gewerkschaften stehen der Bewegung fern. Man hat sie weder vor dem Ausbruch des Streiks verständigt, noch zu seiner Leitung hinzugezogen. Die Bewegung ist vielmehr unmittelbar aus den Arbeitermassen selbst herausgewachsen und ihre Ursachen sind in politischer Mißstimmung zu suchen. An Gründen hierfür fehlt es wahrlich nicht. (…)

Angesichts des rein politischen Charakters der Streikbewegung hat es der sozialdemokratische Parteivorstand für zweckmäßig befunden, sich in der Leitung des Streiks durch 3 Abgeordnete vertreten zu lassen. Dieser Schritt ist vielfach in der Öffentlichkeit dahin gedeutet worden, als ob die Partei die Bewegung damit zu ihrer Aktion machen wolle. Das trifft sicherlich nicht im entferntesten zu. Vielmehr wurde der Parteivorstand zu seinem Schritte einzig durch das Verlangen zahlreicher Parteimitglieder gedrängt, die am Ausstande beteiligten Arbeitermassen nicht einzig der Leitung der Unabhängigen und Internationalen zu überlassen, sondern durch Mitberatung dafür zu sorgen, dass die Bewegung in geordneten Bahnen und zu einem vernünftigen Abschluß gelenkt wird. Man kann dem  Partei- vorstande für sein Eintreten nur Dank wissen, denn weder der Partei, noch der Landesverteidigung würde damit gedient sein, wenn der Ausgang der Bewegung ein anderer sein würde.“ Der Artikel endet dann mit Wunsch, einen weiteren Massenstreik möge es nicht geben.

Kämpferischen Massenaktionen im Kriege stand auch der Vorsitzende der Generalkommission, der als Abgeordneter des Kieler Wahlbezirkes dem Reichstag  angehörende Carl Legien, nach dem die Kieler Legienstraße und Teile unseres Gewerkschaftshauses benannt sind, entschieden ablehnend gegenüber. Legien hatte übrigens als erster, bereits Anfang Februar 1915, den Ausschluss Karl Liebknechts aus der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion gefordert.  Lothar Popp, führender USPD-Politiker in Kiel, berichtet von einer Begegnung mit Legien während der Streiktage: „Am 27. Januar … legten die Arbeiter der Germania-Werft geschlossen die Arbeit nieder, und versammelten sich gemeinsam mit einem Teil der Friedrichsorter Arbeiter auf dem Wilhelmplatz, wo ich die Ziele der Bewegung darlegte und zur Wahl eines Arbeiterrats aufforderte. Der gegründete Arbeiterrat war der erste in Deutschland. (…)

Interessant ist die Rolle, die der Vorsitzende der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, der Reichstagsabgeordnete Legien, bei dieser Gelegenheit gespielt hat. Wir hatten auf dem Wilhelmplatz zunächst einmal als Grundstock des Arbeiterrats 10 Kollegen der Germania-Werft gewählt, die übrigen Betriebe sollten (was nachher auch geschah) die weiteren Wahlen unter sich vornehmen. Uns leitete vor allem der Gedanke, daß der Arbeiterrat als Instrument des proletarischen Klassenkampfes aufzufassen sei, das geeignet erschiene, die Interessen der Arbeiter zu vertreten, ohne durch den Parteistreit in seiner Tätigkeit beengt zu sein. Es sollte eine neue Vertretung der Arbeiterinteressen durch die Arbeiter selbst sein. Als wir uns im Gewerkschaftshause konstituierten, stellte es sich heraus, daß Legien im Restaurant des Gewerkschaftshauses anwesend war. Auf Verlangen einiger Genossen, die der  mehrheits- sozialistischen Partei angehörten, wurde Legien gebeten, zu einer Besprechung zu uns zu kommen, was auch geschah.

Ich legte nun als Vorsitzender des Arbeiterrates Legien die Frage vor, wie er sich zu dem Streik stelle. Legien antwortete, er müsse erst wissen, wer den Streik begonnen und was der Streik bezwecke, die Gewerkschaften hätten den Streik ja nicht in der Hand und nicht veranlaßt. Ich erwiderte ihm, daß wir zunächst nicht warten konnten, bis die Gewerkschaften den Streik inszeniert hätten, denn dann wäre er sicherlich niemals ausgebrochen. Im übrigen sei der Streik spontan ausgebrochen als Protest gegen Brest-Litowsk und um dem Frieden zu dienen. Legien versuchte immer wieder einer Erklärung aus dem Wege zu gehen, erst auf energisches Drängen der Mitglieder des Arbeiterrats, die der Partei Legiens angehörten, und nachdem ich erklärt hatte, daß wir uns den Streik zunächst als einen dreitägigen Demonstrationsstreik gedacht hätten, erklärte Legien, daß derartige Dinge eintreten, liegt in der Haltung der Regierung begründet, und im Hinblick auf das Verhalten derselben sei der Streik zu begrüßen. Ich fragte dann Legien noch, ob wir dann, wenn die Regierung trotz des Demonstrationsstreiks auf ihrer verderblichen Politik bestehe, resignieren sollten. Legien: ‚Nein,  keineswegs.‘ Als ich nach Verbüßung  meiner Gefängnisstrafe wieder nach Kiel  kam, wurde mir ein Flugblatt vorgelegt, in dem der Januarstreik in der gemeinsten Weise heruntergemacht wurde, unterzeichnet Karl Legien. Der Reichslügenverband1 seligen Angedenkens hätte es schöner nicht machen können. Das Kieler Gewerkschaftskartell hat es abgelehnt, dieses Flugblatt zu verbreiten.“

Lothar Popp wertet den Ausgang der Januarstreiks, ohne die inneren Bedingungen ihres Verlaufs näher zu analysieren, so: „Der Bewegung war leider der Erfolg versagt. Aber dieser Streik hat die Ehre der deutschen Arbeiterschaft gerettet. Es war ein flammender Protest, der für alle Zeiten dokumentiert, daß der unselige Gewaltfriede von Brest-Litowsk … gegen den Willen des deutschen sowie des russischen Proletariats zustande kam. (…) Deutsche Truppen rückten in die Ukraine und in Finnland ein und erdrosselten die proletarische Revolution. Allein in Finnland wurden 50.000 Arbeiter erschossen, in der Ukraine revolutionäre Arbeiter und Bauern massenhaft gehängt. Trotz des Friedens von Brest-Litowsk, der den tollsten Gewaltfrieden der Weltgeschichte darstellt, trotz des Kampfes der deutschen Machthaber gegen die sozialistische Revolution im Osten, bewilligten die deutschen Mehrheitssozialisten die Kredite weiter und predigten nach wie vor das Durchhalten bis zum Siege.“

(D.L.)


 


1)„Reichslügenverband“ war der unter Sozialdemokraten gebräuchliche Name für den am 9. Mai 1904 in Berlin gegründeten  „Reichs- verband gegen die Sozialdemokratie“, der es als seinen Zweck bezeichnete, „alle in Treue zu Kaiser und Reich stehenden Deutschen ohne Unterschied ihrer religiösen und politischen Stellung zum Kampf gegen die antimonarchistischen und revolutionären Bestrebungen der Sozial- 
demokratie zu einigen“. Dass sich die deutsche Sozialdemokratie einmal selbst kastrieren würde, hatten die Verbandsoberen sich wohl nicht träumen lassen; als die SPD das aber tat und öffentlich allen revolutionären und antimonarchischen Bestrebungen  abschwor, erklärte der Verband auch seine Auflösung: „Der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie hat unmittelbar nach dem  denkwürdigen Reichstagsbeschluß vom 4. August seine gesamte Tätigkeit eingestellt und seine Provinzialstellen und Ortsgruppen angewiesen, so lange der Kriegszustand dauert, völlig passiv zu bleiben. Das glänzende Verhalten des gesamten deutschen Volkes während der Mobilmachung und vor dem Feinde gibt dem Vorstand Veranlassung auszusprechen, daß der Reichsverband nicht nur unbedingten Gottesfrieden während der Dauer des Krieges halten wird, sondern auch die Hoffnung hegt, daß späterhin eine politische Bekämpfung der Sozialdemokratie nicht mehr erforderlich sein möge. Er gibt sich der Zuversicht hin, daß in Zukunft nach Überwindung aller das deutsche Vaterland bedrohenden Feinde etwa entstehende wirtschaftliche Streitigkeiten ausschließlich auf nationaler Grundlage sich werden erledigen lassen“, so heißt es in der Erklärung des Vorstandes vom 29. August 1914. („Völlig passiv“ ist der Verein bis zu seiner tatsächlichen Auflösung im November 1918 denn doch nicht geblieben, aber das zu erörtern, ist hier nicht der Platz.)