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75 Jahre nach Zerschlagung der Gewerkschaften:

Vom 2. zum 10. Mai

Ohne die Ereignisse des 2. Mai 1933, als mit der Besetzung der Gewerkschaftshäuser durch die SA die Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung demonstriert wurde, wären die Ereignisse des 10. Mai nicht denkbar gewesen. Einer der „verbrannten“ Schriftsteller, Bertolt Brecht, stellte einen Zusammenhang her, der über die zeitliche Abfolge hinausgeht. Brecht erklärte auch die bis heute verbreitete und unlängst vom bundesdeutschen Präsidenten Köhler so formulierte Ansicht, dies sei eine Tat „aus barbarischem Ungeist“ gewesen, für unzureichend: „Die Roheit kommt nicht von der Roheit, sondern von den Geschäften, die ohne sie nicht mehr zu machen sind.“ Diesen Geschäften standen die Organisationen der Arbeiterbewegung im Weg. Im Juli 1937 – während des spanischen Krieges (der viel mehr war als „nur“ ein Bürgerkrieg) – erklärte Brecht: „Wenn die faschistischen Diktaturen ihre Flugzeugparks fabrizieren, bekommt das eigene Volk keine Butter und bekommt das fremde Volk Bomben. Für die Butter und gegen die Bomben standen die Häuser der Gewerkschaften: Sie wurden geschlossen. (…) 

Als der Generalangriff auf die politischen und ökonomischen Positionen der deutschen und der italienischen Arbeiterschaft erfolgte, als die Koalitionsfreiheit der Arbeiter, die Meinungsfreiheit der Presse, als die Demokratie erdrosselt wurde, erfolgte der Generalangriff auf die Kultur überhaupt. Nicht sofort, nicht unmittelbar setzte man die Zerstörung der Gewerkschaften der Zerstörung von Kathedralen und anderen Kulturdenkmälern gleich Und doch erfolgte hier der Angriff auf das Zentrum der Kultur.

Das deutsche und das italienische Volk verlor, als ihm seine politischen und ökonomischen Positionen entrissen wurden, jede Möglichkeit zu kultureller Produktivität – selbst Herr Goebbels langweilt sich in seinen Theatern –, das spanische Volk, indem es seinen Boden und seine Demokratie mit der Waffe verteidigt, erobert und verteidigt seine kulturelle Produktivität: mit jedem Hektar Boden einen Quadratzentimeter Pradoleinwand.“

Brecht forderte: „Die Kultur, lange, allzu lange nur mit geistigen Waffen verteidigt, angegriffen aber mit materiellen Waffen, selber nicht nur eine geistige, sondern auch und besonders sogar eine materielle Sache, muss mit materiellen Waffen verteidigt werden.“ In seiner höchst aktuellen Polemik gegen alle, die gegen die Roheit des Faschismus vor allem die Erziehung zu höheren Idealen setzen wollten, sagte Brecht: „… jene von uns, die das Grundübel in der Roheit, der Barbarei erblicken, sprechen … nur von Erziehung, nur von Eingriffen in die Geister – von keinen anderen Eingriffen jedenfalls. Sie sprechen von der Erziehung zur Güte. Aber die Güte wird nicht von der Forderung nach Güte kommen, nach Güte unter allen Bedingungen, selbst den schlimmsten, so wie die Roheit nicht von der Roheit kommen kann. (…) Man muss die Menschheit in Schutz nehmen gegen die Beschuldigung, sie wäre auch roh, wenn dies nicht ein so gutes Geschäft wäre… (…) Wir haben heute in den meisten Ländern der Erde gesellschaftliche Zustände, in denen die Verbrechen aller Art hoch prämiiert werden und die Tugenden viel kosten. ‚Der gute Mensch ist wehrlos, und der Wehrlose wird nidergeknüppelt; aber mit der Roheit kann man alles haben. Die Gemeinheit richtet sich ein auf 10 000 Jahre. Die Güte dagegen braucht eine Leibwache; aber sie findet keine.’“

Und dann – könnte man es treffender ausdrücken in Zeiten von Hartz IV, von der politisch inszenierten Verarmung großer Teile der Bevölkerung zum Zwecke der Profitsteigerung bei den großen Konzernen? – : „Hüten wir uns, sie (die Güte – D.L.) von den Menschen einfach zu verlangen! Möchten wir doch nichts Unmögliche verlangen! Setzen wir uns nicht dem Vorwurf aus, wir kämen, auch wir, mit Appellen an die Menschen, Übermenschliches zu leisten, nämlich durch hohe Tugenden furchtbare Zustände zu ertragen, welche zwar geändert werden können, aber nicht geändert werden sollen! Reden wir nicht nur für die Kultur! Erbarmen wir uns der Kultur, aber erbarmen wir uns zuerst der Menschen! Die Kultur ist gerettet, wenn die Menschen gerettet sind. (…) Kameraden, denken wir nach über die Wurzel der Übel! (…) Kameraden, sprechen wir von den Eigentumsverhältnissen!“

Darauf kommt es an, heute wie damals; ein neues ’33 verhindern zu wollen, setzt die Bereitschaft voraus, genau das zu lernen und umzusetzen: Die unerträglichen Verhältnisse müssen umgestürzt werden. Demokratie lässt sich nur wirksam verteidigen, wenn sie fortentwickelt , wenn sie aus kapitalistischen Banden befreit wird. Dafür zu werben und dies zu organisieren, ist eine wichtige Aufgabe aller Linken im antifaschistischen Kampf. Diese Position muss selbstverständlichen Raum finden in allen gesellschaftlichen Bündnissen gegen Rechts; wer sie ausgrenzen will, ist kein Demokrat. Gleichzeitig müssen die VerfechterInnen dieser Position die entschiedensten Befürworter der breitesten Bündnisse sein, wenn es etwa gegen Nazi-Aufmärsche oder andere Provokationen – dazu zählt auch das Auftreten von Nazis in Wahlkämpfen – geht. Auch wenn wir wissen, dass die Politik der Agenda 2010 eine „Steilvorlage für  Rechtsextreme“ (ver.di) ist, auch wenn ein auf lange Sicht erfolgreicher Kampf gegen faschistische Demagogie, gegen Stimmenfang durch die NPD den Kampf gegen die Politik der sozialen Verelendung voraussetzt. Das gemeinsame Auftreten gegen Nazis sollte genutzt werden, auch in der Bündnisarbeit gegen den Sozialkahlschlag voranzukommen.

(D.L.)